Heilige Nächte 2020/21

Grünewald – Die Geburt Jesu. Isenheimer Altar, Colmar.

 

Das Wahre Ich

Für die westliche Welt ist dies das klassische Weihnachtsbild: die Geburt Jesu.  Es ist der sichtbare Auftakt der größten Geschichte der Menschheit, der Entwicklung eines jeden Menschen hin zum Wahren ICH, die ein einzelner Mensch, urbildhaft für uns alle, vorgelebt hat.  

 

ICH BIN DAS LICHT. ICH BIN DIE LIEBE. ICH BIN DER WEG, DIE WAHRHEIT UND DAS LEBEN.

 

Diese Geschichte ist in der christlich geprägten Welt seit 2000 Jahren allmählich zur Richtschnur für die Entwicklung zum wahrem Menschsein geworden.  Verwirklicht ist dieser Mensch noch lange nicht und wir alle haben noch viel zu tun.  Es ist eine in Wellen auf und ab gehende Entwicklung, mal sind wir als Menschheit näher, mal weiter von diesem Ideal entfernt.  Solche Bilder und die rhythmische Wiederholung der Jahresfeste helfen uns, nicht zu vergessen, was unsere eigentliche Mission ist und wer wir wirklich sind: ICH BIN EIN ICH.

 

Eine meditative Vertiefung in das Bild kann große Kraft geben und das wahre Menschsein stärken. Das für uns wichtigste Element ist der offene Himmel.  Seine lichten Kräfte durchdringen die Erde und betten das persönliche Geschehen in einen großen, von tiefem Sinn getragenen Entwicklungsstrom ein. Nicht chaotisch in sich selbst verstrickt, vom Himmel und ICH BIN getrennt wie im Bild der Versuchung des Heiligen Antonius hierunter, sondern harmonisch in sich ruhend, mit offenem Herzen, sich verbunden wissend in einem großen Entwicklungsstrom und ordnend wirkenden Kräften der geistigen Welt, wenn wir uns aus ganzem Herzen damit verbinden. Himmel und Erde sind miteinander verbunden, durchdringen sich in ihrem Geschehen, sind eins. Maria schaut mit innig liebevollem Herzen auf das Kind ICH BIN DAS LICHT DER WELT und läßt diese Gewißheit tief in sich einströmen.  Erwecke diesen Strom in Dir, der vom Himmel auf die Erde strömt und nehme ihn tief in Dein Herz auf.

 

In Zeiten wie diesen ist es sicher oft nicht leicht, solche Empfindungen in sich zu erwecken, aber gerade in solchen ist es umso nötiger, sich mit aller Kraft darum zu bemühen.  Nur so kann um die Erde eine weite, lichte Sphäre entstehen, deren Energie höher ist als die derzeitige Problem-Aura, die wir alle um die Erde erschaffen haben; nur so kann die ICH Kraft im einzelnen Individuum entstehen, deren wir so dringend bedürfen.

 

Eins der Grundprinzipien des Herz-Denkens lautet: In Relationen denken. Erst aus dem Verhältnis mit einem anderen dazugehörigen Gedanken wird etwas wirklich verständlich. Darum ergänze ich – etwas ungewöhnlich für Weihnachten – dieses Bild um die »Versuchung des Heiligen Antonius«, um den großen Qualitätsunterschied zwischen der niederen Persönlichkeits-Ebene und der Geist-Ebene deutlich erlebbar zu machen. Das Bild der Geburt möchte ich mit den obigen skizzenhaften Gedanken weiter für sich sprechen lassen.

 

Grünewald – Die Versuchung des Heiligen Antonius. Isenheimer Altar, Colmar.

 

Die diesmalige Persönlichkeit

Auf diesem Bild wird das Ringen der diesmaligen Persönlichkeit mit ihren Dämonen dargestellt, heute würde man sagen, mit ihren ungesunden Glaubenssätzen. Doch ganz gleich welche Namen wir geben, die urbildliche Situation ist seit Jahrtausenden die gleiche.  Der sich in einer hochdramatischen Situation befindliche Mensch scheint in seiner Krise unterzugehen. Er bemerkt mit Schrecken, daß seine gewöhnlichen Kräfte für ihre Bewältigung nicht ausreichen und fällt zunächst in einen Abgrund tiefer Verzweiflung, bevor in ihm die Frage auftaucht: wo finde ich die nötigen Kräfte?

 

Über dieser chaotisch finsteren Szene thront Gott in einer lichten Welt, über das Geschehen wachend. Zu gegebenem Moment schickt er der ringenden Seele einen helfenden Engel.  »Aufsteigen will ich zu ihm, hindurch durch meine Seele, und hinausgehen will ich über diese meine Kraft« so beschrieb Augustinus (354-430 n. Chr.) den Weg der ringenden Seele, die in höchster innerer Anstrengung ihren Weg sucht durch ihre persönlichen Verstrickungen hindurch zu ihrem Wahren Ich, zu Christus, zu Gott, zum Geist … Ohne diesen Durchgang durch die eigene Seele, ohne die Steigerung der eigenen Kräfte, ohne diese schmerzhaften Konfrontationen mit uns selbst, ohne die Heilungen unserer Persönlichkeit von ungesunden Glaubenssätzen und Verhaltensweisen, kommen wir nicht auf die Geist-Ebene.  Wir können keine Entwicklungsstufe überspringen. 

 

Aus freiem Willen gut denken, gut sprechen, gut handeln war schon vor gut 2500 Jahren der Kerngedanke der Anhänger des Zarathustra*.  Gut denken, gut sprechen und gut handeln aus freiem Willen kann der Mensch aber nur, wenn er auch die Möglichkeit hat schlecht zu denken, schlecht zu sprechen und schlecht zu handeln. Wäre dies nicht der Fall, so wäre der Mensch bloß ein guter Automat. Wollen wir das? Sicher nicht, denn das wäre das Ende des Menschseins.  Wir wollen nicht fremdbestimmt – sei es auch gut gemeint fremdbestimmt –, sondern selbstbestimmt handeln und sei es zu unserem Schlechten.  Diese Wahlfreiheit liegt im Wesen des Menschen begründet und ist die Grundlage menschlicher Freiheit.  Wir wollen uns als wahre Menschen von niemanden vorschreiben lassen wie wir zu denken, zu sprechen und zu handeln haben.

 

»Die Engel mußt du rufen, die Teufel kommen von alleine« haben wir einmal scherzhaft gedichtet. Wie viel leichter fällt es uns, irgendwo die Probleme zu sehen als die guten Seiten einer Sache, eines Menschen. Das Negative sehen wir ohne Anstrengung. Eine bewußte Entscheidung für das Licht, das Leben, die Liebe, die Wahrheit hingegen ist eine tägliche Aktivität des ICH, ist eine geistige Anstrengung. Solcherart Kräfte müssen wir selbst immer wieder in uns aufrufen, sie kommen nicht von alleine. Ringen wir genügend um die lichten Seiten? Geben wir ihnen den nötigen Raum in uns? Tragen wir dazu bei, daß durch unsere tiefen, lichtvollen, geordneten Gedanken eine helle Aura um unsere Erde entsteht?  Oder verstricken wir uns in unserer niederen Persönlichkeit mit ihren Ängsten, Verzweiflungen, Wutausbrüchen, Vernebelungen und ihrer Sucht nach schlechten Nachrichten … ?

 

 

  

Hier neben habe ich zum besseren Verständnis ein Bild der Hierarchien eingefügt.  Die Hierarchien bilden die Aura der Erde; sie wirken mit ihren ordnenden Kräften auf die Erde, wie wir es bei Gottvater auf dem Geburtsbild gesehen haben. Je weiter weg im Bild die himmlischen Wesen sind, umso höher stehen sie in der Hierarchie. Wir alle kennen tatsächlich die Erfahrung vom guten Schlaf. »Heute Nacht habe ich wunderbar geschlafen. Ich war ganz weit weg.« Ja wo war ich denn? In den hohen Hierarchien.  Da ist es am erholsamsten und kräftigendsten. Verbleibe ich in meinem Bewußtsein hingegen im erdnahen Bereich, so ist der Schlaf weniger erholsam.

Nach diesem kleinen Intermezzo nun zurück zu unseren beiden Bildern. Ich habe sie in mehrfacher Ausführung in zwei Reihen übereinander angeordnet, um die Hierarchie der Kräfte besser erlebbar zu machen.

– Erschließe dir den Bewußtseins-Unterschied, indem Du die beiden Bildreihen mehrmals abwechselnd anschaust, d. h. in Relationen denkst.

– Dann stelle dir die gesamte Erdkugel vor, einmal umgeben von einer kleinen, erdnahen Problem-Aura und dann von einer weiten, großen, lichten, hierarchisch hohen Aura. Erlebe den Unterschied.  

– Nun begebe dich auf deine Ich-Ebene, in ICH BIN DAS LICHT, in die Aura Gottes auf dem Geburtsbild. Du mußt nichts weiter tun, als dort verweilen und erleben wie diese Kraft heilend auf die Erde strömt. Du selbst hast diese Kraft nicht, aber du kannst deine Seele immer wieder in diese Region erheben und eins mit ihr werden.  Das ist die einzige Kraft, die die Problem-Aura allmählich durchdringen wird.  

– Sieh vor deinem inneren Auge lauter lichte Menschen, die rund um den Globus in der Licht-Aura der Erde verweilen.  Was für ein schönes Silvester-Feuerwerk. 

 

  

»Aufsteigen will ich zu ihm, hindurch durch meine Seele,

und hinausgehen will ich über diese meine Kraft«  Augustin 

Aufsteigen will ich zu ihm, auf eine höhere Ebene als die meiner Alltags-Persönlichkeit, zum Wahren ICH, zum Christus in mir. Der Weg dahin führt mich durch die Verstrickungen meiner Persönlichkeit; durch sie will ich hindurch, über diese Kraft will ich hinausgehen, will ich aufsteigen in höhere Bewußtseinssphären. In innerer geistiger Anstrengung erlangt meine Persönlichkeit die nötigen Kräfte, mit denen sie aufsteigt zu ihm, zur Geist-Ebene, zum ICH BIN DAS LICHT DER WELT. Das ist der urbildliche Weg der Menschwerdung, den wir alle zu gehen haben, ob heute, morgen oder in 1000 Jahren, ob freiwillig oder durch schwerste Krisen geschüttelt.

 

Die Hierarchie der Kräfte

Es gibt eine gesetzmäßige Hierarchie der Kräfte, die durch die obige Anordnung der Bilder sichtbar wird: die Geist-Ebene ist prinzipiell höher als die Persönlichkeits-Ebene. Im Konkreten ist sie es aber nur, wenn erstere im Menschen gut ausgebildet ist, d. h. wenn der Mensch entweder wie Antonius mit all seiner Kraft um die Läuterung seiner Seele gerungen hat oder wie Maria schon eine reine Seele aus anderen Leben hat.  Andernfalls wirkt vor allem die niedere Persönlichkeits-Ebene als alles dominierende Kraft im Menschen, wie wir im Moment allerorten sehen können.  Wollen wir letzteres für uns und die Welt nicht, ist die einzig logische Konsequenz mehr Raum und Zeit zu schaffen für die eigene geistige Entwicklung des ICH BIN DAS LICHT.

 

Die Heiligen Nächte sind in jedem Jahr die Zeit, in der wir an den Anfang dieser großen Entwicklungsgeschichte des Wahren Menschen erinnert werden. Es ist eine Zeit, in der der Himmel offener ist als im Rest des Jahres; eine Zeit, in der wir spüren, daß wir eigentlich bessere Menschen – Menschen mit viel mehr Herz– werden wollen. Und dann vergessen wir es wieder bis zum nächsten Weihnachtsfest über den Alltag, in dem wir unterzugehen drohen wie Antonius unter den Dämonen.  Die derzeitige Krise zeigt, daß dies keine gesunde Verhaltensweise ist. Wir müssen dringend lernen, den Himmel das ganze Jahr über offen zu halten, indem wir täglich unseren wahren Menschen pflegen, indem wir uns täglich auf das wirklich Wesentliche im Leben besinnen.

 

In diesem Sinne wünsche ich allen Freunden von Heartthink

besinnliche Heilige Nächte und wahrhaft gute Vorsätze für 2021

 

Sylvia Weyand

 

 

 Quellen

* Das Leben des Heiligen Antonius (251-356 n. Chr.)  

In: Athanasius (295-373 n. Chr.), Ausgewählte Schriften, Band 2. Aus dem Griechischen übersetzt von Anton Stegmann.  Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 31. München 1917

Antonius Kampf mit den Dämonen

… »In der Nacht ging der böse Feind hin mit einer Schar von Dämonen und schlug ihn so heftig, daß er sprachlos vor Qualen auf dem Boden lag. Antonius versicherte nachher, die Schmerzen seien so grausam gewesen, daß man behaupten könne, Schläge von Menschenhand hätten niemals eine solche Pein verursacht. Durch Gottes Fürsorge aber - denn der Herr verläßt die nicht, welche auf ihn hoffen - erschien am nächsten Tag sein Freund; er öffnete die Tür und sah ihn wie tot am Boden liegen. Um Mitternacht aber kam er zu sich.  … Stehen konnte er wegen der Schläge nicht, also betete er im Liegen, nach dem Gebete aber rief er laut: »Hier bin ich wieder, Antonius; ich fürchte eure Schläge nicht; wenn ihr mich auch noch länger quält, nichts wird mich trennen von der Liebe zu Christus«. Dann stimmte er den Psalm an: »Wenn sich auch aufstellt ein Heerlager gegen mich, nicht wird sich fürchten mein Herz«. … Der Herr aber vergaß auch da nicht seines Ringens, sondern kam zu seinem Beistand. Denn als Antonius aufblickte, sah er das Dach geöffnet, und ein Lichtstrahl kam auf ihn herab. Die Dämonen wurden plötzlich unsichtbar, die Pein in seinem Körper hörte sogleich auf, und das Haus war wieder unbeschädigt wie zuvor. Antonius aber merkte die Hilfe, atmete auf, er wurde von seinen Schmerzen erleichtert und fragte die Erscheinung: »Wo warst du? Warum bist du nicht zu Anfang gekommen, um meine Qualen zu beendigen?« Und eine Stimme ertönte zu ihm: »Antonius, ich war hier, aber ich wartete, um dein Kämpfen zu sehen. Da du den Streit bestanden hast, ohne zu unterliegen, werde ich dir immer hilfreich sein, und ich werde dich berühmt machen allerorten.« Als er dies hörte, stand er auf und betete. Er gewann soviel Kraft, daß er merkte, jetzt mehr Stärke zu besitzen als vorher. Damals war er nahe an 35 Jahre alt.«

 

*Zoroastrismus oder Zarathustrismus

ist eine Religion mit heute etwa 120.000 - 300.000 Anhängern, die vermutlich im östlichen iranischen Hochland entstand und sich etwa im 7.-4. Jht. v. Chr. im iranischen Kulturraum ausgebreitet hat. Zur Zeit des Sassanidenreiches war sie einige Zeit Staatsreligion.

Die Religion ist geprägt vom Dualismus zwischen Ahura Mazda und Ahriman: »Und im Beginn waren diese beiden Geister, die Zwillinge, die nach ihrem eigenen Worte das Gute und das Böse im Denken, Reden und Tun heißen.« Das Ringen zwischen Gut und Böse findet im Menschen seinen Ausdruck zwischen den guten und schlechten Gedanken. …

Die Lehre besagt, daß sich das Gute am Ende gegen das Böse durchsetzen wird, daß die Schöpfung am Anfang vollkommen war, aber durch das Böse verdorben wurde, daß die Perfektion zuletzt wieder hergestellt wird und daß die Errettung des Menschen von der Summe seiner Taten, Gedanken, Wörter abhängt.  Jeder trägt die Verantwortung für das Schicksal seiner eigenen Seele und hat Anteil am Schicksal der Welt, und selbst die Götter können das persönliche Schicksal nicht ändern.«  Quelle: Wikipedia Dez. 2019