Die Anbetung der Hirten

                         Guido Reni (1575-1642)• Die Anbetung der Hirten • National Gallery London
Guido Reni (1575-1642)• Die Anbetung der Hirten • National Gallery London

 

Die Anbetung der Hirten vor dem Wesen »Ich bin das Licht«  

 

    Das Bild gliedert sich in drei Ebenen: ein  lichter Bereich im Himmel und auf Erden ein dunkler und ein heller. Das zentrale Geschehen spielt sich in den beiden lichten Bereichen ab, die von der Dunkelheit schützend behütet werden.  Blinzelt man mit den Augen, so nimmt man außer den drei Bereichen eine Licht-Diagonale von rechts oben nach links unten wahr und erkennt, daß die beiden hellen Bereiche zusammen gehören, sie bilden im Grunde ein Geschehen.

    Im Außen ist es dunkel, um die Seele in einen hellen, geistigen Raum führen zu können.  Es ist Nacht, die Heilige Nacht.  Die Hirten sind gekommen, um das ihnen von den Engeln auf dem Berge verkündete Kind, den Heiland der Welt, staunend willkommen zu heißen. 

    Suchen wir nach der Quelle dieses mild leuchtenden, geistigen Lichtes, so finden wir sie im Jesuskind, im »Ich bin das Licht«.  Alle anderen Menschen auf dem Bild werden von diesem Licht mehr oder weniger beleuchtet.  Und jeder von ihnen nimmt dieses Wunder in anderer Weise in sich auf.

    Das Bild lädt uns ein, mit unserem Herzen, in es einzutreten, um in die Tiefe einzelner Szenen wie auch einzelner Menschen einzutauchen.  Auf diese Weise können wir das weihnachtliche Geschehen in unseren Herzen zum Leuchten bringen.

    Im Zentrum des Bildes finden wir das Jesuskind, das »Ich bin das Licht der Welt«.  Die reine Jungfrau Maria steht diesem Licht am nächsten und bietet ihm mit einer runden, weichen Gebärde einen liebevoll, schützenden Raum, der durch die Dunkelheit von unten getragen wird. Sie wird bis in ihre Herzenstiefen vom Licht vor ihr erleuchtet.  Wie entspannend fühlt es sich an, wie Maria das Licht von außen in sich aufnehmen zu dürfen, wie von der Sonne an einem milden Tag. Um selbst das Licht zu sein, dafür haben die Menschen auf dem Bild die Kraft noch nicht. Aber sie dürfen miterleben, wie jemand anderes das Licht ist und sie damit durchdringen kann, wenn sie es durch ihr Herz in sich einlassen.  Ab jetzt kann jeder allmählich selbst das Licht werden.

 

    Geht man im Kreis von Gestalt zu Gestalt, so kann man sich in die verschiedensten Arten vertiefen, das Licht in sich aufzunehmen. Eine schöne Art in weihnachtliche Tiefe und Stille einzutauchen.

    Beginnen wir links im Bild. Im Rücken der Maria sind Ochs und Esel innig dabei und schützen das Geschehen – mit ihren Schnauzen sind sie auf Marias Herzhöhe und ihr langsamer Atem reicht bis zum Kind. Josef hat die Hände vor der Brust, schaut aber eher mit etwas Abstand zu; doch gibt dies zusammen mit Ochs und Esel auf der linken Bildseite Halt.  Im Gegensatz dazu wird der Junge vom Licht regelrecht ergriffen; der Hirte rechts daneben läßt seinen Kopf, Herz und Beine (Denken-Fühlen-Wollen) durchleuchten; der nächste geht ganz nah heran und sein ganzer Oberkörper und Kopf leuchten hell auf, während der nächste in eine milde Innigkeit eintaucht. …

    So kann man sich in innerem Mitschwingen mit den einzelnen Szenen und Menschen im Laufe der Heiligen Nächte mit Hilfe dieses Bildes wunderbar in die weihnachtliche Aura vertiefen, um mit Angelus Silesius zu erkennen:

 

Die Geistliche Maria

Ich muß Maria sein und Gott aus mir gebären,

Soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren.

                                               Angelus Silesius (1624-1677)